Was zum Kuckuck bedeutet Waldbaden? 5 Dinge, die Du noch nicht über Shinrin-Yoku in BC wusstest

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Waldbaden ist der jüngste Gesundheitstrend, aber was genau bedeutet es? Der japanische Begriff shinrin-yoku wird als “Waldbaden” übersetzt, und ist auch als Waldtherapie bekannt. Es ist, wie durch den Wald spazieren zu gehen; es ist wie Meditation unter den Bäume. Und dennoch ist es keines von beiden so genau.

“Ich mache schon mein ganzes Leben Waldtherapie und wusste nicht, dass es dafür einen eigenen Begriff gibt”, sagt Haida Bolton. Bolton, die ihre Heimat an British Columbias Sunshine Coast hat, beschreibt, wie ihr nach einem besinnlichen Spaziergang durch den Wald immer das Herz aufgegangen ist. Als sie dann das erste Mal von shinrin-yoku hörte, fand sie die Wissenschaft dahinter faszinierend.

Von Pender Harbour aus betreibt Bolton Natur-Camps für Kinder und bietet außerdem Reflexzonenmassage, die sie drinnen, wie draußen ausübt. Im Jahr 2016 wurde sie von der Gesellschaft für Nature & Forest Therapy als erste Waldtherapie-Leiterin British Columbias zertifiziert. Die Organisation mit Sitz in Kalifornien setzt sich für die Verbreitung des shinrin-yoku-Konzepts ein, oder kurzum für einen langsamen Spaziergang durch den Wald, bei dem die Umgebung mit allen Sinnen aufgenommen werden kann. So erklärt Bolton das Waldbaden:

Waldbaden ist nicht Wandern

Two hikers travel over a moss-covered fallen log in a dense forest.

Ein Spaziergang durch den Wald in der Nähe von Qualicum Beach auf Vancouver Island. Foto: @jessfindlay via Instagram

Wandern bedeutet, sich zielgerichtet im Gelände zu bewegen, während es beim Waldbaden nicht darum geht, einem bestimmten Weg zu folgen. Bei den waldtherapeutischen Spaziergängen Boltons wird mitunter nicht mehr als ein Kilometer zurückgelegt, in 2 bis 2 ½ Stunden. “Es handelt sich um eine viel langsamere Erfahrung,” sagt sie. “Der Leiter regt die Teilnehmer dazu an, zu entschleunigen, und mit allen Sinnen mit dem Wald zu interagieren.” Es geht vielmehr darum, sich auf die Details der Reise zu konzentrieren als auf das Ziel.

Anders als bei einer Naturlehrwanderung ist es nicht die Aufgabe des Leiters, Flora und Fauna zu erläutern. Indem die Teilnehmer immer wieder dazu eingeladen werden, mit dem Wald in eine heilsame und sinnstiftende Interaktion zu treten, soll ihnen der Weg hin zu einer kontemplativen Erfahrung geebnet werden.

So werden die Teilnehmer zum Beispiel ermuntert, mit ihren Augen bewusst auf das zu achten, was sich bewegt. “Manchmal fliegen viele Vögel herum, und das ist einfach zu sehen. Manchmal weht der Wind und der leichteste Hauch wirbelt ein kleines Blatt im Kreis herum.”, erklärt sie.

An anderer Stelle richten die Teilnehmer ihre Aufmerksamkeit auf Geräusche und Berührung. “Wie viele von uns nehmen sich einfach mal Zeit, um die verschiedenen Texturen des Waldes zu fühlen?”, fragt sie. Selbst der Geschmackssinn wird dabei stimuliert. Am Ende eines jeden Aufenthaltes im Wald gibt es eine Teezeremonie, bei der aufgezeigt wird, welche Pflanzen im Wald genießbar sind – wie etwa Zitronenmelisse, Süßholzwurzel oder die zitronigen neuen Triebe einer Hemlocktanne im Frühling.

Waldbaden ist sowohl eine persönliche als auch eine gemeinsame Erfahrung

A man in a red jacket stands on a fallen log, looking upwards at a tall tree.

Cathedral Grove auf Vancouver Island. Foto: Sean Scott

Obwohl einige Waldbaden mit Meditation vergleichen, ist es nicht zwangsläufig eine Solo-Erfahrung. Es geht dennoch um jenes Erlebnis der Achtsamkeit, bei dem man sich Zeit nimmt um wirklich im Moment zu sein.

Diese Erfahrung mit anderen zu teilen, gehört zum Waldbaden dazu. Bolton führt Leute einzeln, aber auch in Gruppen von bis zu 12 Personen durch den Wald. “Die Gruppe sollte klein genug sein, um das Gefühl von Vertrautheit aufkommen zu lassen.”, sagt sie.

Die Teilnehmer haben Zeit um den Wald allein, und gemeinsam mit anderen auf sich wirken zu lassen. “So wird das Erlebnis noch vielschichtiger.”, erklärt sie. “Über das, was andere teilen, hört und sieht man Dinge, die man selbst nicht bemerkt hat. Es geht um die Verbindung und die gemeinsame Freude am Waldbaden.”

Waldbaden – Mit oder ohne Anleitung

A woman sits on a moss-covered fallen log in the forest.

Haida Bolton begleitet Gruppen zum Waldbaden von Pender Harbour aus, ihrer Heimat an der Sunshine Coast

Laut Bolton ist es nicht unbedingt notwendig beim Waldbaden geführt zu werden; manche Leute können ganz effizient im Alleingang üben. Eine Anleitung kann den Prozess begünstigen, indem das Tempo angepasst und immer wieder dazu angeregt wird, den Wald auf neuartige Weise zu erleben. “Die Leute sagen, sie seien dankbar dafür, jemanden zur Entschleunigung an ihrer Seite zu haben. Selbst hätten sie ihr Tempo nie genügend drosseln können, um auf all die Feinheiten zu achten.”

Manchen Menschen kommt ein Leiter genauso zugute wie etwa ein Personal Trainer beim Fitness. “Manchmal müssen wir uns anderen gegenüber verpflichten, um uns selbst gegenüber eine Verpflichtung einzugehen.”, führt sie aus. “Wenn wir wissen, dass uns ein Coach zu einer vereinbarten Zeit erwartet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir rausgehen um diese eine Sache zu machen, von der wir wissen, dass sie uns gut tut.” Bolton betont jedoch, dass ein Waldtherapie-Leiter kein Therapeut ist. “Der Wald selbst ist der Therapeut.” sagt sie. “Der Wald macht die ganze Arbeit. Der Leiter öffnet einfach nur die Türe zum Wald, um bei der Herstellung der Verbindung zwischen Person und Wald behilflich zu sein.”

Waldbaden kann Kreativität und Problemlösungskompetenz entfachen

Twisted trees cling to the edge of a bluff at sunset.

Erdbeerbäume hängen am Rande des Manzanita Bluff, entlang des Sunshine Coast Trails. Foto: Andrew Strain

Wer sich seiner Umgebung aufmerksam zuwendet, entdeckt neue Dinge, die sich wiederum inspirierend auf andere Lebensbereiche auswirken können. “Ob Du ein Architekt, ein Maler oder Schriftsteller bist, Du erhältst so viel kreative Inspiration, wenn Du Dir im Wald Zeit nimmst und die Details mit allen Sinnen bewusst wahrnimmst.”, sagt sie. Es kann sein, dass bei der Beobachtung eines Insekts, das Du noch nie zuvor gesehen hast, eine neue Idee aufkommt: “Da ist dieser  Effekt des Staunes, diese große Freude, Wunder, Neugier und Aufregung.”

Waldbaden fördert das Wohlbefinden

A woman in a blue jacket places her hands on a large, mature tree.

Durchatmen im Wald im Mt. Revelstoke National Park. Foto: Ryan Creary

Dass Zeit in der Natur zu verbringen eine beruhigende Wirkung entfaltet, ist reichlich belegt. Im Blog der David Suzuki Foundation, Vancouver werden die positiven Effekte zusammengefasst, wie etwa der Rückgang von Ängsten oder die Stärkung des Immunsystems. Japanische Studien zeigen, dass Menschen, die Zeit im Wald verbringen wohltuende Bakterien, ätherische Pflanzenöle und negativ geladene Ione einatmen. Die Gesellschaft Association of Nature & Forest Therapy führt eine Vielzahl positiver Auswirkungen an, etwa eine Senkung des Blutdrucks, Steigerung der Energie und verbesserte Konzentrationsfähigkeit.

Wie die Gesellschaft auf ihrer Seite anmerkt, ist Waldbaden kein neues Konzept, und “Ansätze wie Shinrin-yoku sind in der Geschichte verschiedener Kulturen verankert.” Wie Bolton kennen bereits viele Menschen die wohltuende Wirkung aus eigener Erfahrung. “Ich betrachte den Wald und auf irgendeine Weise beruhigt es mich einfach. Es löst Freude in mir aus.”, sagt sie. “Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber es funktioniert.”, fügt sie lachend hinzu. “Ich weiß nicht, wie ein Computer funktioniert, aber das tut es, also benutze ich einen.”

Orte zum Waldbaden (shinrin-yoku) in BC

Haida Bolton bietet geführte Waldtherapie-Spaziergänge an der Sunshine Coast an. Sie reist auch nach Coombs auf Vancouver Island, um dort Spaziergänge zu begleiten. Mehr Info gibt es auf Nature With Haida.

Von Parksville auf Vancouver Island aus geleiten Pacific Rainforest Adventure Tours Gäste auf einem leichten Spaziergang abseits der abgetretenen Pfade durch einen Wald mit uralten Bäumen und heimischen Pflanzen. In Kooperation mit Pacific Rainforest Adventure Tours bietet das Tigh-Na-Mara Seaside Spa Resort & Conference Centre ein “Reconnect Package”, das eine Tour zum Waldbaden sowie das Baden im Mineral Pool des resorteigenen Grotto Spa umfasst.  

A woman hikes in a forest, passing a sign that reads “S.C.T. South.”

Wanderung von der Manzanita Hut in Richtung Süden auf dem Sunshine Coast Trail, BC. Foto: Andrew Strain

Wer doch eher zum Wandern neigt, findet im Sunshine Coast Trail einen Weg, der für eine kontemplative Wanderung ausgelegt ist. Der 180 Kilometer lange Trail durch die Wildnis, die sich vom Sarah Point im Desolation Sound bis zur Saltery Bay erstreckt, ist Kanadas längster Hüttenwanderweg.

Laut Eagle Walz, einem der Begründer des Trails, wurde der Weg hauptsächlich in Nord-Südrichtung angelegt, markiert und beschildert. So bleibt er menschenleerer, als wenn Wanderer an beiden Enden starten und sich ihre Wege kreuzen würden. “Obwohl da draußen auch andere sind, sieht man sie nicht unbedingt.”, sagt er. “Wenn man in regelmäßigen Abständen Wegweiser sieht, hilft es einem, auf dem Weg zu bleiben und sich im Wald besser zu entspannen und die Atmosphäre im Grünen zu genießen.”

Mit mehr als 25 % des weltweiten gemäßigten Regenwald-Bestandes bietet British Columbia jede Menge Orte, an denen man eins mit den Bäumen werden kann. Mehr Ideen und Tipps findest Du hier: Die Top 5 der Orte, um den Regenwald in BC zu erleben.

Aktualisierte Originalveröffentlichung vom 21. April, 2017

Titelbild: Moosbewachsene Bäume und Farne in einem Wald am Kyuquot Sound im Tahsish-Kwois Provincial Park auf Vancouver Island. Foto: Adrian Dorst