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Vom Wasser geprägt: Surfen vor Haida Gwaii

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urfer and carver, Gwaliga Hart, surfing at North Beach, Naikoon Provincial Park | John Scarth

Aktueller Reisehinweis: Seit dem 01. Juli 2021 ist es wieder möglich, nach Haida Gwaii zu reisen. Wir legen allen Besuchern sehr ans Herz, sich vor ihrer Anreise mit dem Haida Gwaii Pledge vertraut zu machen, in dem es auch um ein respektvolles und umsichtiges Verhalten während des Aufenthalts auf der Inselgruppe geht.

Gwaliga Hart steht allein auf einer von Wind gepeitschten Sanddüne oberhalb der Hochwasserlinie und prüft die Bedingungen fürs Surfen, bevor er hinaus aufs Meer paddelt. Zwei Strandabschnitte verlaufen hier über mehrere Kilometer parallel zueinander und verjüngen sich in eine lange Sandzunge, deren Spitze nach Norden zeigt. Getrennt sind sie durch gelbliches, wettergegerbtes Gras oben auf der Düne, das sich bis in die Ferne erstreckt, bevor es schließlich in den Pazifischen Ozean abzufallen scheint. Nächster Halt: Alaska.

Auch wenn er seine Jugend zwischen Haida Gwaii und Vancouver verbrachte, surft Gwaliga seit seiner Kindheit an diesem Strand und ist so etwas wie der Pate der heimischen Surfer-Community geworden.

Gwaliga Hart surft am North Beach, Naikoon Provincial Park | Marcus Paladino
North Beach im Naikoon Provincial Park | Marcus Paladino

Er zieht einen Neoprenanzug mit einem von ihm selbst angefertigten und aufgebrachten Kunstwerk an. “Ich habe ihn so gestaltet, dass er die Haut eines Wasco, ein übernatürliches Wesen und eines meiner Clanwappen, darstellt”, sagt er. “Wir haben viele Geschichten, in denen verschiedene Wesen oder Übernatürliche gehäutet werden, woraufhin eine Person die Haut anzieht und in der Lage ist, die Kräfte des Wesens zu übernehmen und außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen. Auf diese Weise zeige ich meine Identität und zolle den übernatürlichen Wesen meinen Respekt. Gwaliga schnappt sich sein Brett und macht sich auf den Weg zum Wasser, um endlich in der Einsamkeit ein paar der schönen Gipfel vor der Küste zu befahren.

Gwaliga Hart im Naikoon Provincial Park | Marcus Paladino

Haida Gwaii (oder Xaayda Gwaay in der Sprache der Haida) besteht aus über 150 Inseln, von denen die meisten jedoch klein sind. Der größte Teil des Gebiets wird von Graham Island (Kiis Gwaay) im Norden und Moresby Island (Gwaii Haanas) im Süden eingenommen. Die West- und damit die Luvseite der Inseln ist das Tor zum mächtigen Pazifik, und deren zerklüftete Küstenlinie ist von jahrzehntelangem rauem Wetter und heftigen Stürmen gezeichnet, die auf sie niedergeht. Der Zugang zu diesem Küstenabschnitt ist auf dem Landweg so gut wie unmöglich und erfolgt daher fast ausschließlich über das Meer. Dies ist ein großes Hindernis auf der Jagd nach den Wellen vor der Westküste Haida Gwaiis, und hat zur Folge, dass die Region aufgrund der Schwierigkeit und Gefahren, die das Steuern eines Bootes unter diesen Bedingungen mit sich bringt, von auswärtigen Surfern weitestgehend unberührt und unentdeckt geblieben ist.

Auf den Haida Gwaii-Inseln hat man manchmal das Gefühl, in eine Zeitmaschine geraten zu sein, die das Abbild eines Lebens von vor Jahrhunderten zeigt. Dem Land wohnt eine gewisse Mystik inne. Beim Wandern durch die uralten Regenwälder, die seine Oberfläche bedecken, fühlst du dich mit der Kraft, den Wundern und den Traditionen verbunden, die in die reiche Geschichte Haida Gwaiis eingebunden sind. Die Schönheit der Natur ist unübertroffen, und wenn man in den Wäldern und an den einsamen Stränden verweilt und nichts anderes hört außer den rhythmischen Schlägen der Trommeln des Pazifiks oder dem tiefen, kehligen Krächzen der Raben, stellen sich Ruhe und Frieden ein. Das Volk der Haida hat lange und hart daran gearbeitet, diesen Zustand zu bewahren. “Es ist wichtig zu verstehen, warum die Dinge hier so sind, wie sie sind”, sagt Hart. “Es ist leicht, die unberührte Abgeschiedenheit und Schönheit von Haida Gwaii als “unberührte Wildnis” zu sehen, aber in Wirklichkeit sind unsere Land- und Meeresumwelt Kulturlandschaften, die wir seit Tausenden von Jahren bewohnen. Es ist kein Zufall, dass wir rund um Haida Gwaii riesige unberührte Gebiete haben, die nicht durch industrielle Praktiken und den Ansturm und die Ausbeutung durch fremde kapitalistische Unternehmungen ruiniert wurden.”

Gwaliga Hart mit seinem handgeschnitzten Surfbrett | Marcus Paladino
Schnitzkunst von Gwaliga Hart | Marcus Paladino

Die Haida sind seit langem für ihre Kunstwerke, Schnitzereien und Holzarbeiten bekannt und blicken auf ein reiches Vermächtnis als Seefahrervolk. Sie bauten große, hochseetaugliche Kanus, die sie aus einem einzigen riesigen Zedernbaum schnitzten und mit denen sie eine große Anzahl von Personen (bis zu 50 oder 60 in einem Kanu) entlang der Pazifikküste beförderten.

Diese Traditionen haben sich über viele Generationen hinweg erhalten, und auch heute noch üben Haida-Bewohner wie Gwaliga dieses Handwerk aus und perfektionieren es. “In unserer Kunst steckt so viel mehr als nur ästhetisch ansprechende Stücke”, sagt Hart, “sie sind Darstellungen unserer übernatürlichen Wesen und komplexe Erzählungen, die persönliche Identitäten und die größere Geschichte unseres Volkes zeigen.”

Die Sprache der Haida, “Xaad Kil”, enthält ebenfalls eine Vielzahl von Begriffen, die sich auf das Leben der Menschen auf dem Wasser beziehen und verschiedene Wind- und Wettermuster sowie Wellenbedingungen beschreiben, die direkt mit dem Surfen in Verbindung stehen. “Surfen oder Wellenreiten auf Haida Gwaii bedeutet mir sehr viel”, sagt Gwaliga. “Auf diese Weise konnte ich eine weitere Verbindung zu unserem weitreichenden Erbe, unserer Kultur und unseren Traditionen, die unser Leben auf dem Wasser betreffen, herstellen. Wir blicken auf ein großartiges Vermächtnis bei der Herstellung von Wasserfahrzeugen zurück, vom Kanubau bis in die jüngste Zeit. Designelemente der Oberflächen unserer Kanus wurden auf kommerzielle Fischerboote und heutzutage auch auf Surfbretter und persönliche Paddel- und Gleiterboote übertragen”.

Zurück auf der Düne im Licht der untergehenden Sonne hat Gwaliga nach dem Surfen seine Wasco-Neoprenhaut gegen wärmere und trockene Kleidung getauscht.  Im böigen ablandigen Wind verzieht sich sein Gesicht zu einem Grinsen, während er durch das lange Gras schlendert. Auch wenn die Nehrung an diesem Tag leer ist, kommen immer mehr Surfer und Reisende hierher, die auf der Suche nach der richtigen Welle und Einsamkeit inmitten dieser prachtvollen Schönheit sind. “Als Surfer, der die Spots rund um unsere Inseln erkundet, ist es wichtig zu wissen, dass jeder Ort einen Haida-Namen trägt und viele Gebiete geschützt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind”, sagt Gwaliga mit Blick auf die wachsende Beliebtheit. “Und man sollte sich immer über die Verhaltensweisen und Regeln in diesen Gebieten informieren, bevor man sie besucht.”

Es passiert leicht, diese Dinge über die Freude, die der Besuch eines solchen Ortes mit sich bringt und während der Suche nach den Wellen zu vergessen. Harts Worte sind eine wohlgemeinte Mahnung an alle Besucher, ob Surfer oder nicht, die Geschichte von Xaayda Gwaay zu lernen und zu verstehen, bevor sie in ihre Kultur und ihr Land eintauchen.

Titelfoto: Surfer und Schnitzkünstler Gwaliga Hart beim Surfen am North Beach, Naikoon Provincial Park | John Scarth