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Indigene Sprachen in British Columbia

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Ein 10-minütiges Gespräch mit Mike Willie, Eigentümer des in Port McNeill ansässigen Anbieters Sea Wolf Adventures und Mitglied der Musgamakw Dzawada‘enuxw First Nation dürfte jedem ein besseres Verständnis seiner Muttersprache “Kwak’wala” vermitteln als es ein Kurs vermag.

“Die Sprache Kwak’wala baut auf dem Verb auf, im Gegensatz zur englischen, die eher auf dem Subjekt basiert”, sagt Willie über die Sprache, die traditionell im nördlichen Vancouver Island und in Teilen des gegenüberliegenden Festlandes gesprochen wird. “Es gibt einen Unterschied in der grundsätzlichen Denkweise.”

Wie vielen Sprachen British Columbias, so wohnt auch der Kwak’wala Humor inne. Willie nimmt gerne das Wort gaxomas als Beispiel. Wörtlich bezieht es sich auf ein unbeaufsichtigtes Kanu, das flussabwärts treibt. Es dient aber auch als geistreicher Euphemismus für das Gefühl, etwas vergessen zu haben, das man just sagen wollte. Der Gedanke ist in diesem Fall also einfach weggetrieben wie das Kanu, das es nun flussabwärts zieht.

“In der englischen Sprache würde man ein geschäftliches Treffen wohl eher mit dem Satz “What’s on your mind?“ beginnen, fährt Willie fort. In unserer Sprache sagen wir “What’s in your heart?“ (beides würde man in der deutschen Sprache zumeist mit „Was haben Sie auf dem Herzen?” übersetzen – Anm. der Übersetzerin).

Als ehemaliger Sprachenlehrer einer Universität versteht es Willie, ganze Nachmittage zu referieren. Aber selbst eine komplette Woche hätte nicht ausgereicht, um auch nur an der Oberfläche einer der faszinierendsten und stark unterschätzten Besonderheiten British Columbias zu kratzen – ihrer unglaublichen Vielfalt an indigenen Sprachen.

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Vom Institut für bedrohte Sprachen, dem Living Tongues Institute for Endangered Languages als einer der weltweit wichtigsten “Sprachen-Hotspots” bezeichnet (eine hohe Anzahl bedrohter Sprachen konzentriert auf kleinem geografischen Raum), beherbergt British Columbia 34 verschiedene Sprachen und sieben Sprachfamilien. Zusammen machen diese mehr als 60 Prozent aller in Kanada gesprochenen indigenen Sprachen aus. Der gesamte “Hotspot” erstreckt sich über die US-Grenze hinaus und umfasst Teile des Pazifischen Nordwestens.

Viele der Sprachen sind miteinander verwandt, aber diese sieben Familien sind “so unterschiedlich wie Englisch und Chinesisch”, so Aliana Parker, Language Programs Manager bei British Columbias indigenem Kulturrat First Peoples’ Cultural Council. Tsilhqot’in und Dakelh (beide Teil der Sprachgruppe Athabascan) und Gitsenimx (gesprochen von der Gitxsan Nation im Norden British Columbias) sind die drei am meisten gesprochenen indigenen Sprachen in der Provinz. Andere, wie Haida auf Haida Gwaii und Ktunxa in der Kootenay-Region, sind als kulturell isolierte Sprachen bekannt, die nur von diesen indigenen Nationen gesprochen werden.

Hinzu kommt, dass indigene Sprachen in der Regel unglaublich komplex sind. In schriftlicher Form führt dies zu einer Fülle von diakritischen Zeichen, die für englische Muttersprachler verwirrend erscheinen mögen.

“Je nach Dialekt verfügt die englische Sprache über 21 Konsonanten”, sagt Daisy Rosenblum, Assistenzprofessorin am First Nations and Endangered Languages Program der University of British Columbia (UBC). “Kwak’wala zum Beispiel hat 42. Man braucht also mehr Symbole, um all diese Laute aufzuschreiben.”

Dass so viele Sprachen entstanden sind, hängt vor allem mit der Größe und dem weitläufigen Terrain von BC zusammen, das von Inseln, Küsten und landwirtschaftlich genutzten Ebenen bis hin zu hochgelegenen Wüsten und den Rocky Mountains reicht. Sprachen entwickeln sich im Zusammenspiel mit und unter besonderer Einwirkung der Topografie. An der UBC gibt Rosenblum einen Kurs über die Relation von Sprache und Lebensraum.

“Das Wissen über das Land, einschließlich der Wassergebiete, ist in den Sprachen der Ureinwohner kodiert”, sagt sie. “Zum Beispiel beschreiben viele der Sprachen in British Columbia nicht die Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen. In einigen Sprachen ist die Richtungsangabe ‘flussaufwärts’ oder ‘flussabwärts’ oder ‘hinaus aufs Meer’ oder ‘in den Wald’. Alles wird mit diesen Begriffen beschrieben.”

In der Sprache Kwak’wala bedeutet das Wort atłi “Rückseite des Hauses”, aber es heißt auch “zum Wald hin”, weil die Häuser traditionell zum Meer hin gebaut werden.

“Wenn ich Kwak’wala spreche, geht es nicht nur darum, dass ich Übersetzungen von Dingen habe, die ich auf Englisch sagen möchte, und diese ins Kwak’wala übersetze, sondern dass ich die Art und Weise verstehen kann, wie die Kwakwakaʼwakw die Welt sehen, dass wir aus einer Welt kommen, in der die Häuser dem Wasser zugewandt sind und atłi, der Wald, hinter uns liegt”, sagt T’łat’lakuł Trish Rosborough, Dozentin an der University of Victoria in der Abteilung für indigene Bildung.

Um den aktuellen Zustand der indigenen Sprachen in British Columbia richtig einzuschätzen, muss man das zerstörerische Ausmaß verstehen, das der Indian Act aus dem Jahr 1876 (das “legale” Instrument, mit dem die kanadische Regierung die indigenen Kulturen im gesamten Land unterdrückte) und insbesondere das Internatssystem des Landes über diese Sprachen gebracht hat.

Die von den 1880er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein betriebenen Internate waren besonders schädlich. Das System trennte Kinder gewaltsam für längere Zeit von ihren Familien und verbot ihnen, die indigene Kultur anzuerkennen oder ihre eigenen Sprachen zu sprechen.

“Das Ergebnis der Regierungspolitik war ein Linguizid, eine absichtliche Auslöschung von Sprachen”, sagt Rosenblum.

Es waren nicht nur die Grundzüge des Vokabulars und der Grammatik, die fast ausgelöscht wurden. Da indigene Kulturen typischerweise auf mündliche Überlieferungen von Ereignissen angewiesen sind, von Stammesvereinbarungen bis hin zu Eigentumsrechten, kamen Verbote, indigene Sprachen zu sprechen, einer Verbrennung von Geschichtsbüchern gleich. Dies galt insbesondere für das Verbot von traditionellen Liedern und Tänzen.

Für westliche Ohren mag die Musik der Ureinwohner zwar faszinierend sein, aber sie wird im Allgemeinen nicht verstanden. Tatsächlich haben die Lieder und Tänze der indigenen Völker in der Regel eine viel tiefere Bedeutung als Lieder auf Englisch oder anderen Sprachen mit schriftlicher Überlieferung.

“Wenn man eine Melodie mit Worten unterlegt, erinnert man sich viel schneller und besser an diese Worte im Kopf”, erklärt Willie. “Unsere Vorfahren waren auf diese Weise sehr klug. Unsere Geschichte ist in diesen Liedern eingebettet. Das Tanzen ist ebenfalls mit dem Territorium verbunden, und daher kommen auch die Rechte und Titel auf bestimmte Lieder und Masken und Tänze. Deshalb sind Gesang und Tanz bei Zeremonien so wichtig.”

Im Jahr 2008 entschuldigte sich der ehemalige Premierminister Stephen Harper in aller Form für den Schaden, den die Internatsschulen angerichtet haben.

“Das Internatssystem verfolgte zwei Hauptziele, nämlich die Kinder dem Einfluss ihres Zuhauses, ihrer Familien, ihren Traditionen und ihrer Kultur zu entziehen und zu isolieren und sie an die dominante Kultur anzupassen”, sagte er. “In der Tat versuchten einige, wie es schändlicherweise hieß, ‚den Indianer im Kind zu töten’. Heute erkennen wir an, dass diese Politik der Assimilation falsch war, großen Schaden angerichtet und keinen Platz in unserem Land hat.”

Im Jahr 2018 gab es in British Columbia nur noch 4.132 Personen, die fließend indigene Sprachen sprechen konnten. Diese Zahl macht etwa drei Prozent der gesamten indigenen Bevölkerung in der Provinz aus. Mehr als die Hälfte dieser Sprecher sind Ältere – 65 Jahre und älter – und jedes Jahr nimmt ihre Zahl ab. Die gute Nachricht ist jedoch, dass das Interesse und die Bereitstellung von Ressourcen für den Erhalt und die Zurückgewinnung der Sprache in Gemeinden stark zunehmen.

“Wir sehen einen Rückgang der Menschen, die fließend sprechen, aber einen Anstieg der Zahl der Lernenden, viele von ihnen sind jung, was sehr positiv ist”, sagt Parker.

Der First Peoples’ Cultural Council, der ein Mandat für den Erhalt der Sprache innehat, erhielt 2019 von der Provinzregierung 50 Millionen Dollar für Sprachprogramme. Der Kulturrat  verantwortet zahlreiche Programme, die sich über alle Altersklassen hinweg als beliebt und erfolgreich erwiesen haben.

Nach dem Vorbild eines in Kalifornien entwickelten Programms, bringt das Mentor-Lehrling-Programm eine die indigene Sprache fließend sprechende Person (oft ein Stammesälterer) und eine jüngere lernende zusammen. In Ermangelung traditioneller Lernressourcen – für die meisten indigenen Sprachen gibt es keine standardisierten Lehrbücher, Wörterbücher oder formellen Unterricht – erledigen Mentoren und Lehrlinge gemeinsam alltägliche Aufgaben wie Einkaufen, Essen kochen oder sogar Wäsche waschen. Das Entscheidende hierbei ist, dass all diese und andere Aufgaben in der indigenen Sprache verrichtet werden. Das Programm ist sehr erfolgreich und wurde von einigen Gemeinden aufgegriffen.

“Die Leute sehen, wie ihr Freund, ihr Cousin oder ihr Kollege bei Veranstaltungen und Versammlungen die Sprache spricht und sagen: ‘Das will ich auch, ich will auch meine Sprache sprechen'”, sagt Parker.

Das sog. Language Nest Program ist für Vorschulkinder konzipiert und verfolgt einen noch tiefgreifenderen Weg. Sein Ziel ist es, sehr junge Kinder mit einem komplett indigenen Sprach-“Nest” zu umgeben. Damit wird es ihnen ermöglicht, sich ihre Muttersprache auf natürliche Weise anzueignen, so wie es alle Kinder tun, und die Sprache kann zu einem wesentlichen Bestandteil ihres täglichen Lebens werden. Das Programm erlangte zu internationaler Anerkennung als Teil der Bemühungen zur Wiederbelebung der Māori-Sprache in Neuseeland – “Sprach-Nest” ist eine Übersetzung des Māori-Ausdrucks “kōhanga reo” – und wird erfolgreich in British Columbia umgesetzt.

Eine einfache Möglichkeit, sich mit der gesamten Bandbreite indigener Sprachen in der Provinz vertraut zu machen, ist der Besuch der Website First Voices des First Peoples’ Cultural Council. Die umfangreiche Online-Ressource enthält Beiträge von über 50 Gemeindepartnern aus ganz BC. Sie enthält Spiele, einen Bereich für Kids und Aufnahmen von gesprochenen Wörtern, mit denen man verschiedene Sprachen hören, vergleichen und einfache Sätze lernen kann.

Im Royal BC Museum in Victoria umfasst die preisgekrönte Ausstellung Our Living Languages interaktive Stationen sowie Original-Kunstwerke der indigenen Völker, Video- und Audiomaterial sowie Live-Aktionen. Der kreativ gestaltete Ausstellungsraum feiert die Widerstandsfähigkeit und Vielfalt indigener Sprachen mit einem farbenfrohen “Sprachenwald”, in dem Besucher eine Begrüßung in einer der 34 Sprachen der indigenen Völker von BC hören können. In einem Hör-Kokon, der wie eine Wiege gewebt ist, kann man Schlaflieder in verschiedenen Sprachen anhören.

Der beste Weg, mit einer indigenen Kultur in Kontakt zu kommen, ist natürlich, irgendwo in British Columbia mit einer indigenen Person ein Gespräch zu beginnen. Glücklicherweise dürften Besucher hierzu in den kommenden Jahren wieder mehr Gelegenheiten finden.

“Während unserer Touren machen wir ‚Sprachunterricht‘ und berücksichtigen die verschiedenen Gebiete”, sagt Willie, dessen Unternehmen Sea Wolf Adventures Wildtierbeobachtungen, kulturelle Touren und private, maßgeschneiderte Ausflüge durchführt. “Jeder Guide, der/die mit uns zusammenarbeitet, bekommt eine Sprachschulung.”

“Wo es eine starke und effektive Sprachpolitik und -gesetzgebung, gute Sprachbildungspraktiken, eine angemessene und stabile Finanzierung gibt und, was am wichtigsten ist, wo die Gemeinschaft mobilisiert wird, ist es wirklich möglich, dass Sprachen wieder aufleben”, heißt es 2018 im Bericht des First Peoples’ Cultural Council zum Status der Sprachen der indigenen Völker in BC. “Dies ist eine sehr spannende Zeit für indigene Sprachen in Kanada.”

WRITTEN BY: Chuck Thompson

CHUCK THOMPSON is the author of five books including the acclaimed comic travel memoir Smile When You’re Lying and a two-volume World War II survey regarded as the most comprehensive catalogue of World War II sites in existence. He spent seven years with CNN, as executive producer of CNN Travel and editorial director of CNNGo.com. He’s also been a features editor for Maxim and editor in chief of Travelocity and Mariner magazines. Thompson’s writing has appeared in numerous publications and websites including Outside, Atlantic Monthly, Salon, Men’s Journal, National Geographic Adventure, Esquire, Popular Mechanics, Outdoor Life, Reader’s Digest, and the Los Angeles Times. Raised in Juneau, Alaska, he’s lived in Japan, Hong Kong, New York City, Dallas, and Portland, Oregon, and travelled on assignment in more than 60 countries.

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